Panel 2
“Auf dem Boden der Tatsachen”. Zur Objektivität sozialer Räume als “Feld” und “Grund”
Donnerstag, 7. Juni 2012 | 17.30–19.00 Uhr
Ort: Raum 40628
Bitte beachten: Das Panel musste leider abgesagt werden und findet daher nicht statt!
Antonia von Schöning | Die Erfindung des Pariser Untergrundes
Gregor Kanitz | Wandern und beackern. Wilhelm Heinrich Riehl und Gustav Freytag am Grund sozialer Erzählung
David Sittler | Verwissenschaftlichungspraktiken der Chicago School of Sociology mit Hilfe des Stadtraumes
Erhard Schüttpelz | Moderation und Kommentar
Wie wird sozialer Raum erfasst? Spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts gehen Gesellschaft, Stadt und Masse eine Konstellation von Topoi ein, in der nicht nur die bis dahin herrschenden graphischen und mobilen Praktiken/Techniken revidiert wurden, sondern vor allem die disziplinäre Formation, d.h. die kategorialen Wissens-Systeme neu strukturiert wurden.
Unser Vorschlag einer Kultur- und Mediengeschichte sozialtopografischer Objektivierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert hinterfragt zum Teil bis heute gültige Kategorien der Sozialwissenschaften und nimmt nicht nur den sog. ‘spatial turn’ zum Anlass, die Referenz- und Abbildungsverhältnisse urbaner Kartographierung neu zu beleuchten. Eine solche Historische Epistemologie wissenschaftlicher (Stadt-)Raum-Analyse fokussiert weiterhin die Praktiken, Mobilitäten und Visualisierungsstrategien sozialer Evidenz. Leitend sind dabei die Kategorien “Grund” und “Feld”. Sie bilden das Scharnier für die Beschreibung von Statistik als mediale Operationskette, von Stadtkarten als Mythopoetik. Die Herausarbeitung der Sag- und Sichtbarkeiten des sozialen Dokumentes führt dabei im Idealfall zu einer neuen “Grundlagenforschung” der Kulturgeschichte in mehrfachem Sinne. Als Schauplätze dieses Unternehmens fungieren dabei Paris, Chicago und das hessische Biebrich.
Die Erfindung des Pariser Untergrundes (Antonia von Schöning)
Um die Wende zum 19. Jahrhundert besinnt sich Paris auf seinen Untergrund. Unerwünscht drängt er sich mit seinen Abjekten auf die Oberfläche, Menschen und Dinge verschwinden in seinen Untiefen, und das Problem der Regulierung des Abwassers der Stadt wird zunehmend dringlicher. Im Vortrag soll es darum gehen, wie Paris seinen Untergrund – vor allem kartographisch – findet und erfindet und wie die unsichtbare Seite der Stadt ein exemplarischer Raum wird, an dem sich ein epistemischer Bruch der Kartengeschichte aufzeigen lässt. Dabei lässt sich die Geschichte der urbanen Kehrseite im 19. Jahrhundert in drei Phasen erzählen: zunächst als Entdeckung, erster Kontakt und Erstbeschreibung; darauf folgend als Territorialisierung, Ordnung und ‚Kolonisierung‘ der neuen Unterwelt; und schließlich als Eingliederung in die Geschichte und Identität stiftende Fortschrittserzählung der Stadt. Im Laufe dieser Etappen vollzieht sich ein paradigmatischer Wechsel der Darstellungsformen vom alten Register des tableau zu einer neuen statistischen Kartographie, insbesondere in Form der ‚Cartes de Flux‘. Im Verbund der Kulturtechniken der Kanalisierung, der sich etablierenden Wissenschaften Soziologie und Geologie, der statistischen Berechnung von Risiken und Chancen und graphischen Innovationen der Kartographie in den 1840er Jahren lässt sich ein zentrales Argument für eine Geschichte der Gouvernementalität der modernen Metropole ausmachen.
Wandern und beackern. Wilhelm Heinrich Riehl und Gustav Freytag am Grund sozialer Erzählung (Gregor Kanitz)
Der zweite Beitrag fokussiert die sog. “Wanderstudien” Wilhelm Heinrich Riehls im Kontext von Strömungen, welche das Wandern und Reisen, die Bewegung im Raum zu einem (auto-)biographischen Feld werden lässt. Das Erzählen von Orten wird dabei zu einer “cultura” im wörtlichen Sinne, die dabei ermittelten Referenzverhältnisse konfligieren disziplinär mit der Etablierung der Geschichts- und Staatswissenschaften. Die – auch kulturgeschichtlich rezipierten – Erzählungen und Historiographien Gustav Freytags imaginieren dabei nicht nur deutsche Geschichte als “Grund”, sondern verleihen der Aktivität des Schreibens ebenso eine eigentümlich Objektivität. Denn im Rahmen des bürgerlichen Realismus der 1850er und 60er Jahre kreiert sich im literarisch- historiographischen Schreiben ein legitimer Grund und “Boden der Tatsachen”. Die Bearbeitung dieses Grundes, das Beackern dieses Feldes führt zu einer Trennung dokumentarischer Evidenz zwischen Geschichtswissenschaft, Staatswissenschaft, Literaturwissenschaft und nicht zuletzt der Soziologie.
Verwissenschaftlichungspraktiken der Chicago School of Sociology mit Hilfe des Stadtraumes (David Sittler)
Die Chicago School of Sociology hatte ein zentrales Forschungsfeld: die moderne Stadt und im besonderen Chicago selbst. Wie der Soziologe Thomas F. Gieryn in seinen Forschungen zur Stadt als wissenschaftlichem „Wahrheits-Ort“ der Chicagoer Soziologie gezeigt hat, diente gerade diese besonders heterogene Stadt den Sozialwissenschaftlern einerseits als ideales Untersuchungsfeld im Sinne unverfälschter einzigartiger Realität und andererseits wurde sie – insbesondere aber nicht nur – von Robert Park zum Laboratorium erklärt. Dadurch wurde sie auch als eine kontrollierbare Umgebung begriffen, in der sich das interessierende soziale Geschehen experimentartig abspielte und das diesem Anspruch nach durch die Analyse auf andere Orte übertragbar wurde. An Hand des von dem Soziologen Charles S. Johnson auf Basis der Ergebnisse einer nach den Race Riots 1919 einberufenen Untersuchungskommission verfassten Berichts „The Negro in Chicago, A Study of Race Relations and a Race riot“ (Chicago 1922) sowie der Studie des Soziologen Frederic Thrashers „The Gang, A Study of 1,313 Gangs in Chicago“ (Chicago 1927) soll in diesem Beitrag gezeigt werden, welche Praktiken der Straßenbegehung, -beschreibung und – kartierung (Feldstudien) im Rahmen der Begründung der eigenen Wissenschaftlichkeit zum Einsatz kamen. Gefragt wird, wie diese Praktiken der Chicagoer Soziologen zur Stärkung des eigenen disziplinären Feldes beitrugen und es zugleich auch gegenüber der Sozialreformbewegung abgrenzten. Darüber hinaus werden diese zwei Werke auf die in ihnen enthalten methodischen und theoriepraktischen Aspekte hin beleuchtet (z. B. die Einflechtung von Interviews und die Verwendung von Selbstzeugnissen) die später z. B. das ebenfalls in Chicago entstandene Konzept der „grounded theory“ beeinflussen sollten. Schließlich wird die Perspektive zur Diskussion gestellt, dass diese Soziologen gewissermaßen bereits (neue) Kulturgeschichte schrieben bzw. erörtert, wie sich mit diesem Material eine neue Kulturgeschichte einer erweiterten Sozialwissenschaftlichkeit schreiben lässt.

