Panel 4
Metropole erfahren. Urbane Praktiken des Vergnügens um 1900
Freitag, 8. Juni 2012 | 9.00–10.30 Uhr
Ort: Raum 40628
Daniel Morat | Theoretische Einführung und Moderation
Kerstin Lange | Berliner Schiebetänze und argentinischer Tango. Tanzvergnügen in der Großstadt
Johanna Niedbalski | Urbane Erlebnisdimensionen im Vergnügungspark
Anna Littmann | Opernhäuser für die Stadt. Berliner Opernbetriebe um 1900
Jens Wietschorke | Kommentar
Die Dynamik, mit der sich Strukturen und Lebenswelten europäischer Metropolen um 1900 veränderten, wirkte sich nachhaltig auf die Erfahrungs- und Wahrnehmungsmuster der Großstadtbewohner aus. Ein zentrales Element dieser Entwicklung war die Entstehung und Ausdifferenzierung neuer Formen der Vergnügungskultur. Die Sektion geht der Frage nach, wie sich diese Vergnügungskultur als Katalysator und Medium der modernen Großstadterfahrung deuten lässt. Theater und Oper, Radio und Kino, Panoramen und Panoptiken, Zoo und Zirkus, Ausstellungen und Feste, Vergnügungsparks, Tanz- und Ausflugslokale prägten das Stadtbild der Metropolen und das Leben ihrer Bewohner. Die meisten dieser Angebote waren kommerziell organisiert und formierten damit einen neuartigen Vergnügungsmarkt. Sie wurden einerseits zu alltäglichen Bestandteilen des urbanen Lebens und erlaubten andererseits das zeitweilige Heraustreten aus den Alltagserfahrungen und den Arbeitswelten der Stadt.
Die Sektion folgt der Annahme, dass diese Formen des metropolitanen Vergnügens einen zentralen Stellenwert bei der Strukturierung, Repräsentation und Reflexion der Großstadterfahrung einnahmen und damit zur „inneren Urbanisierung“ (Gottfried Korff) der Stadtbewohner beitrugen. Die Vorträge der Sektion beschäftigen sich damit, wie sich die Wahrnehmung in den Metropolen veränderte, welchen Einfluss diese Veränderungen auf die Herausbildung der metropolitanen Vergnügungskultur hatten und wie diese wiederum zur Arena wurde, in der die neuen Erfahrungen durchgespielt, reflektiert und konditioniert wurden.
Im Mittelpunkt steht beispielhaft die Metropole Berlin. Berlin galt um 1900 als die am schnellsten wachsende Stadt der Welt und als Sinnbild für Fortschritt, Schnelligkeit und Modernität. Die Stadt war Regierungssitz und Industriestandort, Handels- und Dienstleistungszentrum, „Weltstadt“ und „Kiez“. Berlin wurde geprägt durch rasantes Bevölkerungswachstum und damit einhergehende schroffe soziale Unterschiede. Diese Diversität spiegelte sich auch in der Vergnügungskultur. Thematisch widmen sich die Vorträge unterschiedlichen Orten und Genres des Vergnügens in Berlin und fokussieren anhand empirischer Beispiele sowohl auf Formen, Erfahrung und Aneignung des großstädtischen Vergnügens, als auch auf Aspekte der sozialen Differenzierung und der Repräsentation von Urbanität. Mit diesen Zugängen verbindet die Sektion Ansätze der neueren Kulturgeschichte, in denen die Alltagspraktiken historischer Akteure sowie Formen kollektiver Repräsentationen im Vordergrund stehen, mit sozialhistorischen Zugangsweisen, die die sozialen Bedingungen von Erfahrungen in der Metropole stets mitbetrachten.
Die Sektion stellt die zentralen Fragestellungen des DFG-Forschungsprojektes „Metropole und Vergnügungskultur. Berlin im transnationalen Vergleich, 1880-1930“ an der Freien Universität Berlin vor und präsentiert gleichzeitig empirische Ergebnisse der einzelnen Fallstudien. Sie leistet damit einen Betrag zur Kulturgeschichte der Stadt und zur Geschichte des Vergnügens sowie auf der theoretischen Ebene zur Klärung des Verhältnisses von Erfahrung und Repräsentation in urbanen Praktiken des Vergnügens.
Berliner Schiebetänze und argentinischer Tango. Tanzvergnügen in der Großstadt (Kerstin Lange)
Auf den Bühnen und in den Tanzsälen der Berliner Vergnügungsstätten hielten um 1900 neue, transatlantische Tänze Einzug, die den Großstadtbewohnern einen Eindruck „der Welt“ vermittelten und diese körperlich erfahrbar werden ließ. Während dadurch ein internationales Publikum in den prunkvollen Tanzsälen des Admiralspalastes in der Friedrichstraße den argentinischen Tango erlernte oder zu us-amerikanischen Ragtimerhythmen tanzte, spielten die Orchester der einfacheren Tanzlokale in den Berliner Stadtvierteln weiterhin Walzer, Polka und auch den populären „Rixdorfer Schieber“. Der Vortrag zeigt am Beispiel Tanz die Vervielfältigung großstädtischer Erfahrungen, die Aneignungsformen des Publikums sowie die sozialen und räumlichen Differenzierungen des Vergnügens.
Urbane Erlebnisdimensionen im Vergnügungspark (Johanna Niedbalski)
Schaubuden – Achterbahnen – Großgastronomie: Auf den ersten Blick setzt das kommerzielle Unterhaltungsangebot der Vergnügungsparks um 1900 auf rein körperlich-sinnliche Effekte. Betrachtet man aber die Erlebnismöglichkeiten genauer, die sich den Besucher/inn/en eröffneten, lassen sich zahlreiche Sinnbezüge zum urbanen Leben und Alltag in den Attraktionen ausmachen: Rolltreppen dienten zunächst als Vergnügungsattraktionen, bevor sich deren Gebrauch im Stadtraum durchsetzte. Das Medium Radio wurde in den 1920er Jahren im Vergnügungspark als sensationelle Neuigkeit vorgeführt und die Autoskooter leisteten einen Beitrag zur Popularisierung des Individualverkehrs. In diesem Vortrag werden anhand konkreter Quellen zu Angeboten der Berliner Vergnügungsparks jene Erlebnisdimensionen großstädtischer Erfahrungen und Praktiken rekonstruiert, die im Angebot der Parks vorgebildet bzw. die hier verstärkt und reflektiert wurden.
Opernhäuser für die Stadt. Berliner Opernbetrieb um 1900 (Anna Littmann)
Die Aufführung der Gattung Oper in eigens dafür errichteten Gebäuden lag aufgrund des finanziellen und technischen Aufwandes bis etwa zur Jahrhundertwende nahezu allein in der Hand der Hoftheater. Mit der Herausbildung der metropolitanen Vergnügungskultur differenzierte sich auch das Genre der vormals traditionellen höfischen Oper in die neuen musiktheatralischen Formen der Berliner Operette, Volksoper, Revue etc. aus und schuf sich durch bürgerliche Initiatoren in städtisch und kommerziell organisierten Unternehmen im interurbanen Wettbewerb einen eigenen ästhetischen Raum. Diese Aneignung des Repräsentationsmediums Oper durch neue Akteure manifestierte sich nicht zuletzt in der Entstehung der neuen Berliner Opern- und Operettenhäuser (u.a. Theater des Westens, Komische Oper und Deutsches Opernhaus). Dabei spielten sowohl innerstädtische als auch transnationale Einflüsse eine Rolle. Anhand der genrespezifischen Differenzierungen und der Entstehung der Opernhäuser analysiert der Beitrag, wie sich durch den Wandel des Mediums Musiktheater diversifizierte Publika, professionalisierte Berufsbilder und veränderte theatrale Räume in der Vergnügungsmetropole Berlin konstituieren konnten.

