Panel 10

Farming Styles: die Kultur der Agrikultur

Samstag, 9. Juni 2012 | 11.30–13.00 Uhr
Ort: Raum 40718

 

Ulrich Schwarz | Farming Styles und Agrarmediendiskurs

Ernst Langthaler | Farming Styles und Agrarsysteme

Rita Garstenauer Farming Styles und Familienbetriebsgeschichten

Markus Schermer | Moderation

Mathilde Schmitt | Kommentar

 

Ausgangspunkt des Panels ist die Erkenntnis, dass (land-)wirtschaftlich tätige Akteure nicht allein ökonomische Zwecke im engeren Sinn verfolgen; sie nützen beim Wirtschaften auch soziale Beziehungsnetze und folgen kulturellen Orientierungen. Dieser ganzheitlichen Perspektive auf das Ökonomische im Allgemeinen und das Agrarische im Besonderen gegenüber steht in der Mainstream-(Agrar-)Ökonomie das Konzept des homo oeconomicus: (Land-)Wirtschaft wird dabei zur Wirkung ‚objektiver’ Gesetzmäßigkeiten, die am besten von Fachleuten beherrscht werden, verkürzt; die ‚subjektive’ Betriebsführung der wirtschaftenden Akteure sei, etwa durch Aus- und Fortbildungsmaßnahmen, danach auszurichten. Entspricht die ‚subjektive’ Betriebsführung dem ‚objektiven’ Optimum – etwa dem höchstmöglichen Profit –, erscheint sie als ‚rational’; weicht sie davon ab, gilt sie als ‚irrational’. Derart strukturfixierte Abstraktionen lassen sich überwinden, indem wir das Augenmerk auf die konkrete Alltagspraxis der wirtschaftenden Akteure lenken. Damit bricht die Engführung auf eine, wissenschaftlich abgeleitete ‚Rationalität’ auf, und die Vielfalt alltäglicher Wirtschaftslogiken wird offenkundig.

Freilich, das Aufbrechen der ‚objektivistischen’ Engführung darf nicht zur ‚subjektivistischen’ Engführung führen. Vielmehr vermögen wir den Gegensatz von Objektivismus und Subjektivismus überwinden, indem wir den landwirtschaftlich tätigen Akteuren einen Manövrierraum des Denkens und Handelns zumessen: Einerseits beschränken betriebsexterne und -interne Strukturen – Klima, Marktpreise, Betriebsausstattung und so fort – menschliches Denken und Handeln; andererseits ermöglichen sie vielfältige Deutungs- und Handlungsweisen. Unter ähnlichen Bedingungen betreiben manche LandbewirtschafterInnen die Spezialisierung auf einen Betriebszweig, andere eine vielfältige Nutzungen; manche verschulden sich durch Betriebsinvestitionen, andere kommen ohne Schulden zurande; manche drängen mit zur Betriebsvergrößerung, andere finden mit den Gegebenheiten das Auslangen. Das jeweilige Agrarsystem ist nicht strukturell festgelegt, sondern folgt aus der Art und Weise, in der sich die Akteure die naturalen und sozialen Strukturen in der Alltagspraxis aneignen – und dadurch aufrecht erhalten oder verändern. In den Fokus der Forschung rückt damit die Kultur – als whole way of life and struggle – der Agrikultur. Einem solchen sozial- und kulturwissenschaftlichen Blick auf das Agrarische entspricht das Konzept der Landwirtschaftsstile (farming styles). Der Landwirtschaftsstil erzeugt jenen geregelten Zusammenhang, der die agrarischen Ressourcen (Land, Vieh, Maschinen, Dünger, Marktprodukte usw.) zu einem gegenüber der Umwelt begrenzten Agrarsystem verbindet. Folglich bezeichnen Agrarsystem und Landwirtschaftsstil nicht Verschiedenes, sondern Dasselbe aus verschiedener Perspektive. Aus der Perspektive der Akteur-Netzwerk-Theorie erscheint ein Landwirtschaftsstil als kohärentes und distinktives Netz symbolischer (‚Ideen’), sozialer (‚Menschen’) und materieller Elemente (‚Dinge’):

Das Panel sucht diese theoretisch-methodologischen Probleme an den empirischen Resultaten eines FWF-Projekts über Landwirtschaftsstile in zwei Regionen Österreichs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu diskutieren. Die Referate behandeln Fragen, Methoden und Ergebnisse der drei Projektmodule – der Vermessung des Raumes des Agrarmediendiskurses auf Basis einer bäuerlichen Wochenzeitung, des Raumes der Agrarsysteme auf Basis serieller Betriebsstatistiken und des Raumes bäuerlicher Familienbetriebsgeschichten auf Basis narrativer Mehrgenerationen-Interviews. Damit plädieren sie für eine Kulturwissenschaft, die potenziell alle Bereiche der Welt – auch jene, die sich, wie die ‚Natur’, per definitionem von ‚Kultur’ abzugrenzen suchen – erfasst.