Panel 6
Kino und Geschichte: Erinnerungen in Film und als Film
Freitag, 8. Juni 2012 | 16.00–17.30 Uhr
Ort: Raum 40718
Elissa Mailänder | „Davon geht die Welt nicht unter“ : Der NS- Spielfilm „Die große Liebe“ ( 1941/1942) als Auftakt zum Vernichtungskrieg
Eva Binder | Postsowjetische Geschichtsrevision im digitalen Kino der Attraktionen: Der Historienfilm Admiral von Andrej Kravčuk
Irina Gradinari | Unmittelbarkeit der Geschichte und Erinnerungsdistanz. Etablierung deutscher und sowjetischer Erinnerungsnarrative. Erste Kriegsfilme nach 1945 im Vergleich
Stefan Zahlmann | Moderation und Kommentar
Film avancierte zum Leitmedium kollektiver Erinnerungen, förderte gar die Implikation der Erinnerungskulturen selbst: Die zahlreichen Historien-, Kriegs- und Holocaustfilme halten das Interesse an bestimmten Geschichtsereignissen aufrecht. Durch Gewichtung selektierter Ereignisse und durch filmspezifische Darstellungsweise formen die Filme nicht nur kollektive Vorstellungen davon, sondern gestalten erst die Geschichte sinnvoll. Ihre Relevanz für individuelle Erinnerungen ist ebenfalls kaum zu überschätzen. Die biographische Kohärenz, so beispielweise die empirische Studie „Opa war kein Nazi!“ (2003) von H. Welzer, S. Moller und K. Tschuggnall, wird bei den Interviewten gerade durch Filmbilder unabhängig von ihrem affirmativen oder subversiven Gehalt hergestellt. Das Panel beschäftigt sich daher mit folgenden Fragen, die in der Forschung bisher fragmentarisch behandelt wurden (S. Zahlmann, A. Kaes, E. Wenzel, A. Erll/S. Wodianka): Auf welche Weise und mit welchen (ästhetischen) Mitteln kann der Film Geschichte darstellen, Vergangenheit auf aktuelle Diskurse beziehen und Erinnerungen gestalten? Welche Genres und Narrative wurden entwickelt, um wichtige kollektive Erfahrungen zu verarbeiten? Wie beteiligt sich der Film an aktuellen politischen Debatten und wie setzt er aktuelle Ideologien um? Mit welchen Darstellungsstrategien spricht das Medium Film die Zuschauer/innen an und welche Identifikationsstrukturen entwirft es dafür?
Aus dieser Fragenstellung heraus bieten die Beiträge einen multiperspektivischen und interdisziplinären Zugang zum Medium Film, präzisieren vielfältige Verhältnisse zwischen Film und Politik: (1) Film als „Zeitgenosse“ historischen Geschehens und Film als Medium einer postfaktischen Geschichtsreflexion, die auf geschichtswissenschaftliche Forschung und Erinnerungen der Zeitzeugen angewiesen ist. Der Vergleich zwischen den beiden Formen macht die Etablierung filmspezifischer Ausdrucksformen für gesellschaftlich relevante Diskurse zur Zeit der Filmentstehung und umgekehrt die Rolle des Filmes für die politische Diskussion in dieser Zeit sichtbar. Ein weiterer Aspekt umfasst die Fragen nach der Tradierung filmischer Ästhetiken aufgrund politischer (De-)Legitimierung bestimmter Vergangenheitsnarrative. Die Beiträge fokussieren dabei (2) Krieg und/in Film – ein Thema, das das Kollektiv als Ganze betrifft und für die Kinoindustrie weltweit eines der beliebtesten Motive darstellt. Außerdem verdankt der Film seine gegenwärtige Form dem Ersten Weltkrieg, der die Entwicklung der Überwachungs- und Spionagetechnik förderte und somit einen neuen Wahrnehmungsmodus etablierte (P. Virilio). Letztendlich liefert das Panel (3) eine komparatistische Perspektive zu Filmen aus Deutschland/BRD und der Sowjetunion/Russland, die erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich wurde. Der Vergleich zwischen den kulturell-ästhetischen und erinnerungspolitischen Praxen deckt diskursive Mechanismen der Geschichtsdarstellung und Erinnerungsherstellung über das Vergessene in der jeweiligen Kultur auf.
Der „Davon geht die Welt nicht unter“ : Der NS- Spielfilm „Die große Liebe“ ( 1941/1942) als Auftakt zum Vernichtungskrieg (Elissa Mailänder Koslov)
Am 22. Juni 1941, am Tag des Überfalls auf die Sowjetunion, notierte der Reichpropagandaminister Josef Goebbels in sein Tagebuch: „Kurz mit Frau Leander einen neuen modernen Kriegsfilm für sie besprochen“. Die Rede war von der Ufa- Produktion „Die große Liebe“, der zur breiten Unterhaltung der Volksgemeinschaft und zugleich der Kriegsmotivation dienen sollte. Unter der Regie von Rolf Hansen, entstand einer der erfolgreichsten Filme des Nationalsozialismus, dessen Wirkungsmacht noch weit über diese Zeit hinausreicht. Die äußerst populäre schwedische Chansonnière und Schauspielerin Zarah Leander spielt die dänische Sängerin Hanna Holberg, die dem Oberleutnant Paul Wendlandt das Herz, aber nicht den Verstand raubt. Es dauert ganze 100 Minuten, bis das Liebespaar zueinander findet und heiraten kann, denn der junge, ambitionierte Jagdflieger vernachlässigt bei aller Hingezogenheit zum privaten Glück seine Soldatenpflicht nicht. Krieg ist Sache des ganzen Volkes, auch der Frauen, und er fordert Verzicht und Hingabe, so die wirkungsmächtige Message des Films. Dieser Unterhaltungsfilm, der 27 Millionen Zuschauern ins Kino lockte und von der Filmprüfstelle die Prädikate „staatspolitisch“, „künstlerisch“ und „volkstümlich wertvoll“ erntete, ist ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte, denn er kann als Seismograph der „Volks- und Kriegsgemeinschaft“ gelten, die im Film auf vielfältige Weise angesprochen werden. Welche Frauen- und Männerbilder bietet der Film den Zuschauer/inne/n als Projektionsflächen an? Mit welchen Mitteln appelliert der Film an die Erfahrungs- und Gefühlswelt der gewöhnlichen Volksgenoss/inn/en? Und wie versucht er, die Volksgemeinschaft als Kriegsgemeinschaft zu mobilisieren?
Postsowjetische Geschichtsrevision im digitalen Kino der Attraktionen: Der Historienfilm Admiral von Andrej Kravčuk (Eva Binder)
Unter den russischen Filmproduktionen des vergangenen Jahrzehnts findet sich eine beachtliche Zahl an Historienfilmen. Das filmische Interesse an historischen Stoffen ist einerseits auf die aus der Geschichte des Kinos hinlänglich bekannte Attraktivität von Geschichtsinszenierungen zurückzuführen – man denke nur an spektakuläre Schlachtszenen, üppige Dekorationen oder heldenhafte Identifikationsfiguren. Andererseits steht diese Hinwendung zur Geschichte in einem engen Zusammenhang mit der Kultur- und Bildungspolitik unter der politischen Führung von Vladimir Putin, die unter dem Zeichen der Propagierung eines neuen russischen Patriotismus steht. Es sind damit die Interessen und Perspektiven der Gegenwart, die die Betrachtung und Darstellung von Geschichte auch in den neueren Historienfilmen wesentlich bestimmen und die im Vortrag präzisiert werden sollen. Der Historienfilm Admiral von Andrej Kravčuk, der alle anderen zeitgenössischen Historienfilme an Popularität bei weitem übertraf, wird im Vortrag als ein Beispiel dafür betrachtet, wie populäres und patriotisches Kino in Russland heute gemacht wird. Darüber hinaus gibt der Film Aufschluss darüber, wie die traumatischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts aus der heutigen Perspektive interpretieren werden. Im Film wird die tragische, historisch dokumentierte Liebesgeschichte zwischen Aleksandr Kolčak, dem Admiral der Weißen Armee im russischen Bürgerkrieg, und Anna Timireva erzählt. Im Mittelpunkt des Vortrags wird die Frage stehen, wie die Umwertung der historischen Figur Kolčaks, immerhin eines der zentralen Feindbilder der sowjetischen Propaganda, realisiert wird und mit welchen ideologischen Implikationen sie verbunden ist. Das Überschreiben und Neuschreiben von Geschichte im konkreten Film kann einerseits über textanalytische Fragen, die Figurengestaltung, Ikonographie oder Erzählverfahren betreffen, beleuchtet werden, während andererseits bereits bestehende Texte über Kolčak, auf die der Film in positiver Weise rekurriert oder zu denen er eine Gegendarstellung liefert, von besonderem Interesse sind. Dabei soll auch die Frage nach kulturellen Leitbildern und Handlungsanleitungen, die der Film seinem Publikum anbietet, beantwortet werden.
Unmittelbarkeit der Geschichte und Erinnerungsdistanz. Etablierung deutscher und sowjetischer Erinnerungsnarrative. Erste Kriegsfilme nach 1945 im Vergleich (Irina Gradinari)
Der Beitrag geht mithilfe einer komparatistischen Analyse der ersten filmischen Reflexion des Zweiten Weltkrieges in der Nachkriegszeit nach, um spezifisch sowjetische und bundesdeutsche Erinnerungsnarrative und -symbole zu exzerpieren. Vorgestellt werden die bekanntesten und populärsten der ersten Nachkriegsfilme aus der jeweiligen Kultur: Die Mörder sind unter uns (D 1946, R. Wolfgang Staudte) und Der Fall Berlins (Padenie Berlina) (UdSSR 1949, R. Michael Čiaureli). Sie etablieren visuell-ästhetische Narrative, mit denen Erinnerungen an den vergangenen Krieg sinnvoll geformt werden können. Aufgrund des großen Erfolges beider Filme wurden einige Elemente zur Tradition, wie beispielsweise der Arzt als Hauptfigur im bundesdeutschen Film oder die ethnische Vielfalt der soldatischen Gruppe im sowjetischen Film. Die Sowjetunion therapiert dabei die kollektive traumatische Erfahrung in der Unmittelbarkeit der Darstellung, die die Geschichte positiv umschreibt, diese durchspielt und sie zugunsten einer näheren „glücklichen“ Zukunft überwindet. Die traumatische Situation wird im Sinne Freuds im Spiel unter Kontrolle gebracht. Der bundesdeutsche Film schafft hingegen eine Distanz zur Vergangenheit durch Inszenierung von Erinnerungen selbst, die über Abspaltung und Abgeschlossenheit der Geschichte hergestellt werden. Der Film macht die therapeutische Wirkung des Erzählens zur Narration. Das Trauma wird dann geheilt, wenn es erzählt bzw. dargestellt werden kann. Damit werden auch politisch- ideologische Implikationen als „Objektivierung“ der historischen „Wahrheit“ (SU) und „Subjektivierung“ der Vergangenheit (BRD) sichtbar, die u.a. auf tradierte ästhetische Strategien zurückzuführen sind: Typisierung und Individualisierung/ Psychologisierung der Helden.

