Panel 8

Die agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft: Akteure, Diskurse und Praktiken

Samstag, 9. Juni 2012 | 9.30–11.00 Uhr
Ort: Raum 40718

 

Peter Moser/Juri Auderset | Die agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft: Untersuchungsgegenstand, Erkenntnisinteressen, Quellenlage und methodische Überlegungen

Verena Lehmbrock | Eigenlogik und Zirkulation: Wie begründen ökonomische Aufklärer im 18. Jahrhundert ihr Wissen?

Beat Bächi | Ökonomien des Lebenden. Viehzucht in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert

Ernst Langthaler | Kommentar und Moderation

 

Problemstellung Das Forschungsprojekt, das diesem Vorschlag zugrunde liegt, zielt darauf, die Genese der sich seit dem 19. Jahrhundert herausbildenden agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft (AIW) zu umreissen. Als agrarisch-industrielle Wissensgesellschaft werden jene Akteure, Institutionen und Diskurse verstanden, die seither an der Transformation und Weiterentwicklung des Agrarsektors massgeblich beteiligt waren und so auch einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Industriegesellschaft ausübten. Von einer agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft sprechen wir deshalb, weil an diesem komplexen Entwicklungsprozess sowohl Akteure und Institutionen aus dem Agrarbereich als auch der Industriegesellschaft beteiligt waren, deren Wissenssysteme durch soziale und diskursive Interaktionsformen konstituiert wurden. Entstanden ist die AIW, so die Ausgangsthese, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich zwischen der Industriegesellschaft und ihrem Agrarsektor ein ressourcenbedingtes Spannungsfeld bildete, weil sich als Folge der thermo-industriellen Revolution die Grenzen und Potenziale der Produktion im Agrar- und Industriebereich ungleich entwickelten.

Die Akteure, die diesen grundlegenden Unterschied zwischen der Industriegesellschaft und ihrem Agrarsektor in der Mitte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen haben, bilden gewissermassen den Kern der AIW. Zu ihr gehörten in der Folge sowohl diejenigen, die versuchten, die bäuerliche Landwirtschaft nach der Logik der Industriegesellschaft zu modellieren wie auch diejenigen, die diese Zugriffe aktiv zurückwiesen und bäuerlichen Entwicklungsvorstellungen zum Durchbruch verhelfen wollten. Zur AIW gehörten aber auch diejenigen Akteure und Institutionen, die sich zwischen diesen Polen bewegten und in der Folge die Modernisierung sowohl des Agrar- als auch des Ernährungssektors wesentlich prägten. In diesem Kampf um die Deutungshoheit über den „richtigen“ Umgang mit der bäuerlichen Landwirtschaft spielten die Generierung, Verbreitung, Transformation und Verweigerung von Wissen eine zentrale Rolle.

Erkenntnisinteresse Aus einer wissensgeschichtlichen Perspektive gehen wir von einer Pluralität von Wissensformen aus. Diese unterschiedlichen Wissensformen werden gleichberechtigt in den Blick genommen, das heisst wissenschaftliches Wissen wird nicht a priori als höherwertig eingestuft als agrarisches Praxiswissen. Da Wissen eine historische Kategorie ist, gilt es zu fragen, wie, wann und gegebenenfalls warum ein bestimmtes Wissen auftaucht(e) – und wieder verschwand. Damit zusammenhängend wird gefragt, welche Diskurse und Wissensformen hegemonial und welche marginal geworden sind. Das Erkenntnisinteresse richtet sich zudem darauf, wie die unterschiedlichen Wissensformen in Interaktion zueinander standen. Die Fokussierung der Wissenszirkulation unterstreicht die Idee, dass es sich nicht um unidirektionale Bewegungen von einem Wissensträger oder einem Wissenssystem zu einem anderen gehandelt hat, sondern dass es sich im Verlaufe der Zeit mehrfach vermittelt und in Rückkoppelungsprozessen zwischen verschiedenen Akteuren und Akteursgruppen bewegt, transformiert und verändert hat. Die oftmals getrennt wahrgenommenen Sektoren der agrarischen und industriellen Produktion werden deshalb auch nicht als Gegensatzpaar aufgefasst, sondern als sich durch das Medium des Wissens vielfältig überlappende, ineinander übergehende und verwobene gesellschaftliche Teilbereiche. Dies geschieht an Hand von drei Kernbereichen: Betriebswirtschaftliches Wissen, Technologie und Umgang mit lebenden Ressourcen. Der Schwerpunkt der Untersuchung bezieht sich auf die Schweiz in den Jahren zwischen 1850 und 1990, wobei die transnationalen Bezüge besonders beachtet werden.

Methodische Fragen Da Wissensformen und ihre Generierung von Akteuren abhängig und an Institutionen, Medien und Orte gebunden sind, zielt das Forschungsprojekt darauf ab, die „Ordnung der Diskurse“ sowie die Geschichte der agrarisch-industriellen Praktiken zu rekonstruieren. Nicht eine genuine historische Diskursanalyse agrarisch-industrieller Wissensformen steht somit im Zentrum, sondern die Verwendung diskursanalytischer Instrumente zur Rekonstruktion des sozialen Gefüges und der Funktionsweise der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft. Konkret geht es also darum, die „Sprechenden“ der agrarisch-industriellen Wissensdiskurse – Bauern und Bäuerinnen, Agronomen und Wissenschaftler, Lehrer und Schüler, Zeitungsredaktoren, Dienstboten, Beamte usw. – durch das, was sie sagen, in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen sicht- und verstehbar zu machen. Unser Diskursbegriff lehnt sich somit an die von Michel Foucault skizzierte Vorstellung an, Diskurse „als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.“ (Foucault, Hauptwerke, 2008, 525). Im Hinblick auf die Zirkulation und Verzahnung unterschiedlicher Diskursstränge scheint uns zudem das von Jürgen Link entwickelte methodische Werkzeug der Inter-diskursanalyse fruchtbar zu sein. Interdiskurse vermitteln symbolisch, auf komplexitätsreduzierende Weise (Spezial-)Diskurse. Eng verbunden mit diesem Diskursbegriff, der Diskurse als Anordnungen von sprachlichen Strukturen begreift, die mit der sozialen Praxis verknüpft sind und gesellschaftliches Handeln organisieren, ist eine Erweiterung der Agrarstrukturgeschichte hin zu einer Agrarpraxisgeschichte. Dieser Sicht auf agrarische Wirtschaftsformen entspricht das Konzept der Landwirtschaftsstile (farming styles, Jan Douwe van der Ploeg). Auf diese Weise werden symbolische, materielle und soziale Aspekte ländlichen Wirtschaftens zu einem sozio-technischen Netzwerk verknüpft. Im Hinblick auf dieses aus Symbolen, Sinnordnungen, Menschen, Dingen, Pflanzen und Tieren bestehende Netzwerk stellt sich mithin die Frage, was genau ein historischer Akteur ist. Oder konkreter gefragt: Inwiefern kommt Tieren, Pflanzen und betriebswirtschaftlichem Wissen eine agency in der AIW zu?