Round Table 1
Kontinuität und Innovation im Alltag: das Beispiel historischer Arztpraxen
Freitag, 8. Juni 2012 | 11.00–12.30 Uhr
Ort: Raum 40628
Hubert Steinke/Elisabeth Dietrich-Daum | Einführung und Moderation
Lina Gafner | Epistemisches Schreiben? Kontinuierliches Sammeln von Erfahrung im Praxisjournal Cäsar Adolf Bloeschs (1804-1863)
Philipp Klaas | Blicke zum Himmel – Die medizinischen Wetteraufzeichnungen Cäsar Adolf Bloeschs (1804-1863)
Alois Unterkircher | Kontinuität und Wandel bei der Diagnostik von Gemütskrankheiten in der Praxis Franz von Ottenthals
Eberhard Wolff | Diagnostische und therapeutische Innovation und Kontinuität in der Praxis Franz von Ottenthals
Die Kulturgeschichtsschreibung setzt sich immer wieder mit Fragen von Kontinuität und Diskontinuität, Statik und Innovation auseinander. Im Jahr 2012 befindet sich ein größeres internationales Forschungsprojekt in seiner späten Phase, in dem die alltägliche medizinische Praxis des 17. bis 19. Jahrhunderts anhand von Aufzeichnungen privater Arztpraxen (wie etwa Krankenjournalen) unter verschiedensten Aspekten untersucht wird. Einzelne der Quellen ermöglichen es, Statik und Dynamik bestimmter historischer Arztpraxen über den Zeitraum mehrerer Jahrzehnte zu rekonstruieren. Im Gegensatz zu einer reduzierten Medizingeschichtsschreibung, die an Entdeckungen, Erstbeschreibungen oder Erstanwendungen interessiert ist, spiegelt sich in diesen Aufzeichnungen die breit angewandte medizinische Praxis dieser Zeit. Medizinische Innovationen wurden hier zum Teil schnell, zum Teil aber auch erst Jahrzehnte nach ihrer Erstanwendung übernommen, herkömmliche Praktiken wurden weiter angewandt, auch wenn sie in der Fachdiskussion bereits länger als überholt galten.
Das Panel will Beispiele aus dem zweiten und dritten Drittel des 19. Jahrhunderts herausgreifen, eine Zeit, in der aus allgemeiner medizinhistorischer Perspektive diejenigen gewaltigen Änderungen anlaufen, die zur Herausbildung der modernen Medizin des 20. Jahrhunderts führten. Beispiele sind die Abkehr von humoralpathologischen Konzepten (sichtbar etwa an Praktiken wie dem Aderlass) oder die Ausbreitung quantitativer im Gegensatz zu qualitativer diagnostischer Verfahren (sichtbar etwa an der Ausbreitung von quantitativen Puls- oder Fiebermessmethoden). In dem Panel sollen solche Kontinuitäten und Diskontinuitäten anhand mehrerer konkreter Beispiele genauer auf ihr Vorkommen, ihre Funktionen und Hintergründe hin untersucht werden. Kontinuitäten präsentieren sich so als ein Phänomen, das nicht einfach ein Ausdruck von Rückständigkeit, Versagen oder Innovationsunfähigkeit ist, sondern Teil eines komplexen logischen Zusammenhangs alltäglicher medikaler Praxis. Der Ansatz eröffnet ein breites Spektrum möglicher Detailfragestellungen:
Rahmenbedingungen Welchen Einfluss haben Kontinuität und Wandel sozialer oder räumlicher Rahmenbedingungen auf Kontinuität und Diskontinuität medikaler Praxis?
Patientinnen und Patienten Welchen Einfluss haben Patientinnen und Patienten auf Kontinuität bzw. Diskontinuität medizinischer Praxis? Führen langjährige Behandlungen der gleichen Personen zu kontinuierlichen Therapieformen? Werden Innovationen eher bei neuen Patientinnen und Patienten angewendet? Gibt es Unterschiede zwischen langjährigen Behandlungen diffuser Krankheitsbilder und Behandlungen von Erkrankten, die mit häufig wechselnden Beschwerden den Arzt konsultieren? Welchen Einfluss hat die Patientenbindung?
Der Einfluss des Krankheitsspektrums Welchen Einfluss haben z.B. (wiederkehrende) Epidemien mit ihrer plötzlichen erheblichen Erhöhung der Nachfrage auf die therapeutische Praxis. Entsteht in ihnen Routine/Kontinuität oder wird sie gebrochen? Entstehen unterschiedliche Routineabläufe für Epidemiezeiten gegenüber seuchenfreien Jahre. Beeinflussen sich die beiden Routinen?
Verhältnisse Inwieweit können Kontinuität und Diskontinuität nebeneinander in Erscheinung treten? Stehen beide dann in einem Wechselverhältnis zueinander? Ermöglicht zum Beispiel erst die Kontinuität der medizinischen Praxis, Erfahrungen zu konzeptualisieren und diese in stufenweise Innovation umzumünzen?
Gestufte Prozesse Laufen Innovationen abrupt oder in Stufen ab? Werden überkommene Praktiken abrupt oder in einem langsamen Prozess aufgegeben, etwa bei Blutentzug (Aderlass, Blutegeltherapie), Schröpfen oder dem Verabreichen von Klistieren?
Routinen Bilden sich im Laufe langjähriger praktischer Tätigkeit Routinisierungen heraus, etwa in der Aufschreibepraxis? Wie sehen diese aus? Muss der Routinisierungsprozess als Schematisierung und Einengung verstanden werden? Wodurch werden Routinen gebrochen?
Konjunkturen und Moden Gibt es therapeutische Praktiken, die neu eingeführt und auch wieder aufgegeben werden. Inwieweit ließe sich von Konjunkturen oder Moden sprechen? Ein Beispiel könnte das „Mode“-Therapeutikum Calomel abgeben.
Routinen als Arbeitsstrategien Bilden sich in den Arztpraxen bestimmte Routinen der Hausbesuchs- und/oder Sprechstundenpraxis heraus? Welche Entstehungsbedingungen und arbeitstechnischen Logiken folgen sie?
Externe Logiken der Beharrung Ein Arzt führte bis zu seinem Tod kontinuierliche Aufzeichnung von Wetterbeobachtungen durch, obwohl der Einfluss der Meteorologie auf das Krankheitsgeschehen zunehmend in Zweifel gezogen wurde. Hatte diese Kontinuität eine externe Logik darin, dass sich der Arzt vor Ort damit als lokal kundiger und wissenschaftlich forschender Praktiker darstellen konnte?
Historizität Wurden Änderungen der Praxis, die heute in einem wertenden Sinn als Innovationen betrachtet werden, bereits historisch als Innovationen angesehen?
Das Thema soll induktiv aus dem empirischen Material heraus entwickelt werden. Beispiele sollen vor allem aus den umfangreichen, aufgearbeiteten und von zwei Teilprojekten aktuell beforschten Quellensammlungen der beiden Ärzte Franz von Ottenthal (1818-1899; Sand in Taufers/Südtirol) und Caesar Adolph Bloesch (1804-1863; Biel/Schweiz), beide aus dem Zeitraum Mitte/spätes 19. Jahrhundert, genommen werden. Material und daraus abgeleitete Thesen sollen in Form von fünf 10-Minuten-Interventionen vorgetragen werden, die sich mit Einleitung und Zusammenfassung zu einem möglichst geschlossenen Bild vervollständigen sollen. Ausgiebige Zeit soll auch für die Diskussion zur Verfügung stehen, um zusammen mit den Zuhörenden die Kohärenz des Themas weiter herausarbeiten zu können.

