Round Table 3
Praktiken, Räume, Stil – Ein praxeologisches Handwörterbuch der historischen Kulturwissenschaften
Freitag, 8. Juni 2012 | 14.00–15.30 Uhr
Ort: Raum 40718
Ulrich Breuer | Matthias Emrich | Ute Frietsch | Andreas Hütig | Jörg Rogge | Cathleen Sarti
Am Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften an der Universität Mainz ist ein Handwörterbuch zu Praktiken, Räumen und zum Stil von Kulturwissenschaften (deutschsprachiger Raum) in Vorbereitung. In ca. 95 Einträgen analysieren und beschreiben ca. 70 Autorinnen und Autoren kulturwissenschaftliche Arbeits- und Organisationsformen in Hinblick auf deren Geschichte, Gegenwart und Eigendynamik. Die praxeologische Herangehensweise in dem kulturwissenschaftlichen Handwörterbuch ist wissenschafts- soziologischen sowie zugleich medientheoretischen, ästhetischen, philologischen und wissenschaftsgeschichtlichen Ansätzen verpflichtet. Mit dem Handwörterbuch soll ein Beitrag zu einer Geschichtsschreibung der Geisteswissenschaften geleistet werden, wobei auf die historiographisch arbeitenden Kulturwissenschaften fokussiert wird. In der Sektion sollen konzeptionelle Herangehensweise und methodische Probleme bei der Durchführung des Projektes vorgestellt, reflektiert und diskutiert werden. Die Veröffentlichung des Handwörterbuches ist für 2013 in der Reihe Mainzer Historische Kulturwissenschaften vorgesehen.
Konzeptionelle Fragen Konzeptionell war zunächst ein Handbuch projektiert, in dem Grundbegriffe der Kulturwissenschaften in ihrer Verwendung dargestellt und auf diese Weise zugleich festgelegt werden sollten. Diesem Ansatz stand allerdings entgegen, dass es bereits einige kulturwissenschaftliche Standardwerke dieser Art gibt; und dass eine Vereinheitlichung des Gebrauchs von kulturwissenschaftlichen Begriffen letztlich nur auf der Basis konsensueller und somit minimalisierter Bestimmungen möglich wäre. Eine solche Festlegung wäre jedoch für inter- und insbesondere für transdisziplinäres Arbeiten insofern hinderlich, als dieses seinen Surplus nicht zuletzt aus Begriffsverschiebungen bezieht. Da es sich bei dem Mainzer Forschungsschwerpunkt (FSP) Historische Kulturwissenschaften um ein interdisziplinäres Verbundprojekt handelt, an dem unterschiedliche Fächer beteiligt sind, wurde daher entschieden, die Blickrichtung zu drehen und nicht Themen und Gegenstände von Kulturwissenschaften zu behandeln, sondern die Praktiken von Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftlern selbstreflexiv zum Thema zu machen. Zur Sondierung von Begriffen wurden drei Felder unterschieden: W issen/Akademische Praktiken, Medien/Materialien/Stil sowie Räume/Verkörperungen/Performative Prozesse. Zu diesen Feldern wurde jeweils eine begriffliche Auswahl getroffen: so etwa als Praxis-Begriff „Bloggen, wissenschaftliches“, als Stil-Begriff „Transdisziplinarität“ und als räumlicher Begriff „Seminar“ (siehe die 3 Beitrags-Abstracts). Die meisten der Begriffe weisen dabei sowohl praktische wie stilistische und räumliche Aspekte auf.
Im Unterschied zu einer soziologischen Herangehensweise, bei der man – im Geiste Bourdieus – eher Lemmata wie beispielsweise „soziale Herkunft“, „Hautfarbe“, „Fernsehauftritt“ oder „Dialekt“ gewählt hätte, soll in dem Handwörterbuch nicht geklärt werden, wer Kulturwissenschaftler/-innen sind, woher sie stammen und wie sie gesellschaftlich formiert worden sind, sondern es soll in unterschiedlichen Facetten dargestellt werden, wie sich kulturwissenschaftliches Arbeiten heute institutionell vollzieht, in welchen praktischen Traditionen es steht und wie seine gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verfasst sind. Um eine multidisziplinäre und polyphone Behandlung zu gewährleisten, entschieden wir uns für ein breites Spektrum von Autor/-innen sowohl des Mainzer FSP Historische Kulturwissenschaften wie aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Es handelt sich um Geistes- und zum Teil Sozialwissenschaftler/-innen aus unterschiedlichen Fächern, die sich den Kulturwissenschaften unterschiedlich stark verbunden sehen, jedoch allesamt eine Affinität zu inter- oder transdisziplinärem Arbeiten haben. Als Minimal-These wurde festgehalten, dass sich seit (spätestens) den 1980er Jahren in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine kulturwissenschaftliche Wende vollzieht, die sich in kulturwissenschaftlicher ‚Feldforschung‘ beschreiben und günstigenfalls auch analysieren lässt.
Um eine gewisse Einheitlichkeit zu garantieren, wurde für die Beiträge eine Artikelstruktur mit 6 Gliederungspunkten erstellt (1. Definition, 2. Geschichte 3. Diskussion des Begriffs/der Praktik, 4. Fall- bzw. Anwendungsbeispiel, 5. Alternative Verwendungsweise resp. transdisziplinärer Gehalt, 6. Literatur). Die Zwischenüberschriften für die Gliederungspunkte konnten frei gewählt werden, anstelle von „Definition“ z. B. „Beschreibung“, „Verwendung“, „Problemaufriss“ etc. Die Zeichenzahl wurde auf 10.000 bis 13.000 Zeichen festgelegt. Drei der Beiträge sollen in diesem Roundtable präsentiert werden. Sie seien im Folgenden kurz skizziert:
Cathleen Sarti, Wissenschaftliches Bloggen Bloggen als wissenschaftliche Praktik ist das Führen eines Blogs mit wissenschaftlichem Bezug durch eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler. Die Inhalte eines solchen Blogs stammen aus einem breiten Spektrum des wissenschaftlichen Arbeitens. Bloggen ist dabei eine Technik der Digital Humanities (d.h. der computerunterstützten geisteswissenschaftlichen Arbeit) neben anderen, die insbesondere der Information und Reflexion, darüber hinaus auch der Publikation der eigenen wissenschaftlichen Arbeit dient.
Kulturwissenschaftlich kann das wissenschaftliche Bloggen in einer Traditionslinie mit älteren Techniken des Aufzeichnens gesehen werden: Forschungstagebücher, Laborjournale oder Beobachtungsbücher sind seit Jahrhunderten als wissenschaftliche Technik etabliert. Mit den Möglichkeiten des Internets bekommen diese traditionellen wissenschaftlichen Aufzeichnungstechniken eine neue Dimension: die vernetzte Öffentlichkeit. Während Forschungstagebücher privat sind, haben Laborjournale und Beobachtungsbücher eine inner- wissenschaftliche Beweiskraft und sollten daher so geschrieben sein, dass jeder Fachkollege die Experimente oder Beobachtungen nachvollziehen kann; sie sind damit nicht mehr privat, aber auch noch nicht öffentlich. Mit dem Führen eines Blogs treten Wissenschaftler in die vernetzte Öffentlichkeit, heraus aus dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Ihre Arbeit wird für jeden Interessierten transparent, seien es Fachkollegen, Studierende oder Laien ihrer Disziplin. Und nicht nur die Rezeption der ins Netz gestellten Artikel wird den Lesern eines Blogs ermöglicht, sondern üblicherweise auch die Kommentierung direkt bei dem Artikel und für alle sichtbar – so kann ein themenbezogenes Gespräch unabhängig von Ort und eingeschränkt auch Zeit und unabhängig von beruflicher und wissenschaftlicher Ausbildung entstehen. Wissenschaft wird in Blogs dialogisch verstanden und umgesetzt. Dementsprechend werden die Inhalte angepasst; der Grundgedanke, die eigene wissenschaftliche Arbeit schreibend und reflektierend zu begleiten, wird jedoch beibehalten. Welche Konsequenzen hat dieser Schritt in die Öffentlichkeit für die Inhalte, die Blogs anvertraut werden? Welche Öffentlichkeit wird mit einem wissenschaftlichen Blog erreicht? Inwieweit spielen Blogs in der internen W issenschaftskommunikation eine Rolle und inwiefern prägen sie das Bild der Öffentlichkeit von der Wissenschaft? Diese Fragen zum Verhältnis von Wissenschaft – Blogs – Öffentlichkeit sollen im Mittelpunkt meines Vortrags zum Bloggen als einer wissenschaftlichen Praktik stehen.
Andreas Hütig, Transdisziplinarität Der Begriff der Transdisziplinarität bezeichnet das methodische Prinzip wissenschaftlicher Arbeit, Problemorientierung und Forschung, über vorhandene disziplinäre Ansätze, Theorien und Methoden hinauszuführen und das bestehende System wissenschaftlicher Disziplinen dauerhaft zu überschreiten und/oder zu verändern. Vor allem diese Intention unterscheidet die Trans- von der Multi- und Interdisziplinarität, die als Begriff eine deutlich höhere Verbreitung haben. Hintergrund ist das Empfinden eines Ungenügens des bestehenden Systems sowohl im Hinblick auf die entstehenden Disziplinierungen und Engführungen als auch im Hinblick auf neue, konkrete Probleme, die mit bisherigen Ansätzen nicht adäquat behandelt werden können. Dabei verfolgt transdisziplinäre Forschung das innerwissenschaftliche Ziel einer Veränderung des Gefüges der Fächer und Disziplinen oder der Etablierung neuer institutioneller Organisationsformen und erhebt oft zugleich den auf außerwissenschaftliche Bereiche bezogenen Anspruch, dortige Probleme besser und/oder unter Beteiligung der Betroffenen analysieren und einer Lösung zuführen zu können.
Wissenschaftshistorisch ist die mit Transdisziplinarität intendierte Neuordnung bereits bei jeder Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems gegeben. Als eigenständiger Begriff erscheint Transdisziplinarität zu Beginn der 1970er Jahre in Diskussionen über interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die deutsche Diskussion wurde Mitte der 1980er Jahre durch Jürgen Mittelstraß belebt. In den historischen Kulturwissenschaften finden sich seit ca. 15 Jahren zahlreiche Selbstverortungen und -beschreibungen, in denen dem eigenen Arbeiten transdisziplinärer Charakter zugeschrieben wird; das Unternehmen der kulturwissenschaftlichen Neuorientierung insgesamt und die Erweiterung traditioneller Fragestellungen durch kultur-, medien-, geschlechter-, körper- oder erinnerungsbezogene Ansätze werden als transdisziplinär angesehen. Die metawissenschaftliche Diskussion geht dabei jedoch nur selten über affirmative Proklamationen und die Inanspruchnahme methodischer Originalität hinaus, selbst wenn die eigene Methodologie reflektiert wird. Für die Selbstreflexion der Kulturwissenschaften ist eine Klärung des Verständnisses von Transdisziplinarität vor allem deshalb wichtig, weil damit eine Reflexion nicht nur auf die eigenen Methoden, sondern vor allem auf die Erkenntnisinteressen und beanspruchten Problemlösungskompetenzen verbunden wäre. Die implizite Wertung, dass transdisziplinäres Arbeiten per se vorzuziehen ist, ist zu explizieren und zu begründen; damit steht das Verhältnis kulturwissenschaftlichen Arbeitens zu den bestehenden Disziplinen zur Debatte. Der Gebrauch des Etiketts transdisziplinär selbst kann so zum Gegenstand einer kulturwissenschaftlichen Untersuchung werden.
Ulrich Breuer/Matthias Emrich, Seminar Als Seminar bezeichnet man eine Ausbildungseinrichtung, das sie beherbergende Gebäude sowie ein Unterrichtsformat. Das akademische Seminar ist eine lokalisierbare, problem- und forschungsorientierte Interrelation von Lehrenden und Studierenden, die der Proliferation des wissenschaftlichen Nachwuchses dient. Es erlaubt die wechselseitige sachorientierte Einübung eines forschenden Habitus. Das Seminar ist eine Erfindung der Neuzeit, die nicht zuletzt der politischen Steuerung dient. Auf die Einrichtung von Priesterseminaren zur Durchsetzung der Gegenreformation folgten die Lehrerseminare. Das preußische Modell, das verstärkt auf ‚vaterländische Gesinnung’ achtete, hatte seinen Ursprung im Pietismus und wurde im späten 19. Jhdt. vom Kaiserreich übernommen. Auch das universitäre Seminar geht auf den Pietismus zurück, verbindet aber das Seminar als Ort der Ausbildung mit einem neuen Konzept von Forschung. Nach dem Vorbild des philologischen Seminars wird im Neuhumanismus die Einheit von Forschung und Lehre als Ideal formuliert und allmählich in allen Fächern eingeführt.
Eine kulturgeschichtliche Diskussion des Seminars kann von den metaphorischen Hintergrundannahmen des Begriffs ausgehen und nach den politischen Absichten fragen, aus denen heraus jeweils lokal begrenzt ‚Sinn gesät’ und Pädagogen ‚aufgezogen’ werden sollten. Diskutabel ist weiterhin die Diskrepanz zwischen der Idealform des Seminars und der Realität des akademischen Unterrichts. Die Bologna-Reform scheint aktuell eine Professionalisierung der Lehre zu fordern – möglicherweise zum Schaden der Forschung. Drittens schließlich wäre die universitäre Lehrerausbildung gegen ihre akademischen Verächter zu verteidigen. Als Fallbeispiel bietet sich das philologische Seminar an, weil es das Modell der Verbindung von Forschung und Lehre abgegeben hat. Im literaturwissenschaftlichen Seminar haben es die Teilnehmer mit der Sonderrealität literarischer Werke zu tun, die Gelegenheit zum Umgang mit Autoritätsverhältnissen gibt. – Neuerdings taucht in den Kulturwissenschaften das Seminar auch als Schreibformat auf (Stanley Cavell, Elif Batuman), das den Leser aktiv mitführt, ihn an der Wissensproduktion beteiligt und ihn zur eigenständigen Durchdringung des Materials anregt.

